Mehr als 60 Menschen folgten der Einladung des Aktionsbündnisses Trassengegner und des BUND Naturschutz zu einer Naturwanderung bei Ludersheim. Sie erfuhren, warum der Flatterulmenwald ökologisch so wertvoll ist – und weshalb sein Fortbestand durch ein geplantes Umspannwerk und die Juraleitung bedroht ist.
Ludersheim. Seit mehr als 100 Jahren wird er von den Menschen in der Umgebung liebevoll „Märchenwald“ genannt: der Flatterulmenwald bei Ludersheim. Doch dieses besondere Waldgebiet ist in Gefahr. Für ein zweites Umspannwerk und den Bau einer neuen Stromtrasse, der sogenannten Juraleitung, soll in Ludersheim ein Wald mit Seltenheitswert gerodet werden. Bei einer Naturwanderung am Sonntag, 18. Oktober, machten das Aktionsbündnis Trassengegner und die Kreisgruppe Nürnberger Land des BUND Naturschutz auf die Bedeutung des Waldes und die drohenden Folgen der Bauvorhaben aufmerksam. Mehr als 60 Menschen nahmen an dem Spaziergang teil.
Dörte Hamann vom Aktionsbündnis Trassengegner stellte gleich zu Beginn die Frage nach der Notwendigkeit des Vorhabens. „Wichtig für die Einordnung dieser Planungen ist es, dass wir hier nicht davon sprechen, dass unsere Stromversorgung gefährdet wäre, wenn dieses Umspannwerk nicht gebaut wird“, betonte sie. Vielmehr gehe es aus ihrer Sicht darum, den profitorientierten Stromhandel zu verstärken. „Das ist vielen Menschen nicht bewusst, oft fällt in Diskussionen der Satz: ‚Wir brauchen doch den Strom.‘ Aber genau zu dieser Schlussfolgerung, dass wir dieses Umspannwerk hier überhaupt nicht benötigen, müssen wir aufgrund der vorliegenden Entwicklungen beim Stromverbrauch kommen. Und deshalb werden wir diesen Wald gegen die Pläne von Konzernen, die entgegen aller Vernunft handeln, verteidigen.“
Ein Wald mit besonderem Wert
Die Flatterulme gilt als Zukunftsbaum. „Da traditionelle Ulmenarten stark vom Ulmensterben betroffen sind, rückt die Flatterulme in den Fokus“, erläuterte Sebastian Haas vom BUND Naturschutz. Sie werde seltener vom Ulmensplintkäfer befallen und gewinne deshalb angesichts des Klimawandels an Bedeutung.
Der Wald bei Ludersheim ist jedoch nicht nur wegen seiner Baumarten etwas Besonderes. Damit ein solches Biotop entstehen kann, müssen zahlreiche Faktoren zusammenkommen. Entscheidend sind unter anderem die besonderen Bodenverhältnisse und eine zuverlässige Wasserversorgung. Gerade diese empfindlichen Bedingungen machen den Wald anfällig für Eingriffe.
Haas verwies darauf, dass es in Nordbayern nur vier vergleichbare Standorte gebe. Besonders bemerkenswert sei, dass der Ludersheimer Flatterulmenwald abseits der Flussauen vorkomme.
„Dieses Biotop hält es kaum ein Jahr ohne Wasser aus“
Wie dramatisch die Folgen des geplanten Umspannwerks sein könnten, erläuterte Anita Bitterlich, Geschäftsführerin und Biologin der BUND-Naturschutz-Kreisgruppe Nürnberger Land. Die Firma Tennet habe für den Bau des Umspannwerks in Ludersheim rund fünf Jahre Bauzeit angesetzt. In dieser Zeit drohten massive Beeinträchtigungen für das gesamte Gebiet.
„Dieses Biotop hält es kaum ein Jahr ohne Wasser aus, geschweige denn über eine so lange Zeit“, warnte Bitterlich. Auch eine Verlagerung des Bauvorhabens an den Rand des Waldgebiets sei keine ausreichende Lösung. Entscheidend sei, dass das gesamte Wassereinzugsgebiet erhalten bleibe. Das Geländeprofil zeige deutlich, dass das Wasser aus dem höher gelegenen Wald mit seiner Quelle an der Autobahn zum Flatterulmenwald fließe. Eine Unterbrechung dieser Wasserversorgung wäre fatal.
Zudem setze der Klimawandel den Wäldern bereits heute erheblich zu. „Kiefern und Buchen sind dem Tode geweiht“, fasste Bitterlich die Entwicklung zusammen. Noch vor wenigen Jahren sei dem BUND Naturschutz vorgeworfen worden, die Situation zu dramatisieren. Inzwischen hätten auch die Bayerischen Staatsforsten die Gefahren erkannt. Bitterlich warnte davor, die Widerstandsfähigkeit der Wälder zu überschätzen: Pflanzen reagierten nicht auf Durchschnittswerte. Schon ein einziger trockener Sommer oder ein Jahr mit gestörter Wasserversorgung könne für ein empfindliches Biotop verheerend sein.
Unersetzlich für Amphibien und Waldnachwuchs
Auch für die Tierwelt ist der Flatterulmenwald von herausragender Bedeutung. Miranda Bellchambers, Vorsitzende des BUND Naturschutz Nürnberger Land, bezeichnete ihn als „ein Juwel für die Amphibien“. Nach ihren Angaben lebt dort eine Population von etwa 1.500 bis 2.500 Tieren. An anderen Standorten seien die Bestände deutlich kleiner und häufig rückläufig.
„Dies ist ein Wunder, für das wir keinen Ersatz mehr finden“, betonte Bellchambers. Wie empfindlich solche Populationen auf Veränderungen reagieren, sei nicht ausreichend bekannt. Auch Sebastian Haas verwies auf den Rückgang der Amphibienbestände: In manchen Gebieten gebe es inzwischen so wenige Tiere, dass sich Schutzmaßnahmen wie Amphibienzäune kaum noch lohnten.
Der Wald besitzt darüber hinaus einen hohen Wert für die Forstwirtschaft. Die Bayerischen Staatsforsten gewinnen in ausgewählten Beständen regelmäßig heimisches, sogenanntes autochthones Saatgut. Daraus lassen sich Bäume ziehen, die genetisch an die örtlichen Bedingungen angepasst sind. Gerade angesichts des Klimawandels und der geplanten Wiedervernässung von Wäldern wird dieses Saatgut immer wichtiger.
„Einen alten Wald fassen wir nicht an“
Anita Bitterlich machte deutlich, dass der BUND Naturschutz grundsätzlich vor Eingriffen in alte, gewachsene Waldökosysteme warnt. „Wir haben nur Kulturwald“, sagte sie. Über die komplexen Zusammenhänge in einem alten Wald wisse man noch immer zu wenig. Eingriffe könnten unvorhersehbare Kettenreaktionen auslösen.
Angesichts des Klimawandels werde es zudem immer schwieriger, neue Wälder erfolgreich aufzubauen. Deshalb brauche es zwar deutlich mehr Aufforstung, zugleich müsse aber berücksichtigt werden, dass der Erfolg solcher Maßnahmen keineswegs garantiert sei. „Wir kriegen einfach an vielen Stellen keinen Wald mehr hoch“, stellte Bitterlich fest. Bestehende, intakte Wälder zu erhalten, müsse deshalb Vorrang haben. Die derzeitigen gesetzlichen Möglichkeiten des Naturschutzes seien aus wissenschaftlicher Sicht nicht ausreichend, um solche Lebensräume wirksam zu schützen.

Bei dem bedrohten Wald handelt es sich nach Angaben der Veranstalter um rund einen Hektar Bannwald. Dieser genießt einen besonderen gesetzlichen Schutzstatus. Für die Teilnehmenden steht fest: Ein solches Biotop lässt sich nicht einfach an anderer Stelle ersetzen.
Ein Stück Heimat
Wie tief der Wald in der Region verwurzelt ist, zeigte eine Erinnerung, die eine Teilnehmerin während der Wanderung teilte: Schon ihr Großvater habe das Gebiet als „Märchenwald“ bezeichnet. Der Name steht für eine über Generationen gewachsene Verbundenheit mit diesem besonderen Ort.
Die Botschaft der Naturwanderung war daher eindeutig:
Der Flatterulmenwald ist weit mehr als eine Ansammlung seltener Bäume. Er ist ein empfindliches Ökosystem, Lebensraum für zahlreiche Tiere, Quelle wertvollen Saatguts und ein Stück Heimat. Damit er erhalten bleibt, müsse nicht nur der Wald selbst, sondern auch seine Wasserversorgung im gesamten betroffenen Gebiet geschützt werden. Die Teilnehmenden appellierten deshalb, die ökologischen Folgen der geplanten Großprojekte ernst zu nehmen und den Flatterulmenwald vor der Zerstörung zu bewahren.
Fotos: D. Hamann, K.Frey und privat, Fotos 3–5 Frühjahr 2025

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Einladung Flatterulmen-Märchenstunde
27.11.2026, 16 – 18.30 Uhr
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